Ein Abschied mit Stolz: Der scheidende Aufsichtsratschef von Adidas
Der scheidende Aufsichtsratschef von Adidas, Günther Gulden, zieht Bilanz und betont, dass seine Entscheidung, Gulden zu berufen, die beste seiner Karriere war.
Ein bleibendes Erbe oder ein vorübergehender Trend?
Es ist immer eine merkwürdige Angelegenheit, sich von einer Führungspersönlichkeit zu verabschieden, die über Jahre hinweg das Schicksal eines Unternehmens mitbestimmt hat. Im Fall von Günther Gulden, dem scheidenden Aufsichtsratschef von Adidas, wirft diese Abschiedserklärung jedoch Fragen auf, die weit über die Person hinausgehen. Gulden selbst scheint sich seiner Wirkung auf die Marke und das Unternehmen bewusst zu sein und bezeichnet seine Entscheidung, den umstrittenen Vorstandsvorsitzenden Kasper Rorsted zu berufen, als „die beste Tat“ seiner Karriere. Diese Aussage lädt zur Analyse ein, sind wir doch geneigt, die Entscheidungen von Führungspersönlichkeiten nicht nur im Hinblick auf ihre eigene Effektivität, sondern auch im Kontext ihrer Auswirkungen auf die Marke und die Mitarbeiter zu bewerten.
Im Laufe von Guldens Amtszeit hatte Adidas mit zahlreichen Herausforderungen zu kämpfen. Die Konkurrenz von Nike und Under Armour war besonders stark, während die eigene Markenidentität in einem sich rasant wandelnden Markt oft auf die Probe gestellt wurde. Und doch war es Gulden, der im Jahr 2016 die Entscheidung traf, Rorsted an Bord zu holen. Ein Schachzug, der, gelinde gesagt, nicht ohne Kontroversen war. Es ist verwunderlich, dass eine solche Entscheidung, die die Unternehmensstrategie maßgeblich beeinflusste, im Rückblick als so positiv betrachtet werden kann. Aber vielleicht ist das eben die Ironie des Managements – nur die Zeit kann sagen, ob eine Entscheidung gut oder schlecht war.
Die vergängliche Natur von Unternehmensentscheidungen
Die Tatsache, dass Gulden seine besten Entscheidungen als solche bezeichnet, die nur zum Teil mit seinen eigenen Leistungen verbunden sind, ist nicht nur eine bescheidene, sondern auch eine weise Sichtweise. Unternehmensführungen sind komplexe Gebilde, in denen viele Faktoren und Akteure mitwirken. Während das Sagen eines einzigen Mannes oft glorifiziert wird, bleibt nichtsdestotrotz die Frage im Raum, ob solche Erfolge tatsächlich von einer einzigen Entscheidung abhängen oder ob es vielmehr ein Zusammenspiel verschiedener Elemente ist.
Der Aufsichtsratsvorsitzende von Adidas hat immer wieder betont, dass seine Entscheidung für Rorsted auch in Anbetracht der damals vorherrschenden Marktbedingungen getroffen wurde. Und hier wird deutlich, dass es weit weniger um persönliche Macht als um strategisches Denken geht, das oft auch den Mut erfordert, den richtigen Mann zur richtigen Zeit zu ernennen. Hat er also wirklich das Beste für Adidas gewollt?
Guldens Rückblick ist von einer gewissen Nostalgie geprägt, die sich jedoch nicht mit der Realität der letzten Jahre deckt. Das Bild von Adidas als Gonzo-Anbieter im Sportartikelmarkt war teilweise seinerseits gestaltet, doch die Realität war oft viel weniger glamourös. Das Unternehmen musste sich nicht nur mit internen Fluktuationen auseinander setzen, sondern auch mit der Notwendigkeit, das Image zu modernisieren, um nicht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.
Es bleibt zu klären, ob Guldens Einschätzung seiner Entscheidungen als die besten tatsächlich auf fundierten strategischen Überlegungen beruht oder ob sie einfach eine notwendige Reflexion am Ende seiner Amtszeit ist.
Die Frage stellt sich, ob Rorsted die richtige Wahl war. Während einige ihn als innovativen Denker bezeichnen, gibt es andere, die bezweifeln, dass er die Marke zurück zu ihren Wurzeln führen kann. Der Gegner, Nike, hat in der Branche für viel Aufregung gesorgt: wegweisende Kampagnen und Produkte, die die Grenzen des Möglichen verschieben. Adidas hingegen ruft oft nur ein müdes Schulterzucken hervor. Es ist verständlich, dass Gulden, der in einem solch dynamischen Umfeld agiert, den Wunsch hat, positive Eindrücke zu hinterlassen, selbst wenn die Realität eine andere ist.
In einem Markt, der von Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit geprägt ist, bleibt es eine Herausforderung, eine Markenidentität zu bewahren und gleichzeitig mit den Konsumenten Schritt zu halten. Guldens Rücktritt könnte also ebenso gut ein Anlass zur Besinnung als auch zur Diskussion über die Zukunft von Adidas sein. An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob die Entscheidung von Gulden für Rorsted wirklich in die richtige Richtung gegangen ist oder ob es sich um einen kurzfristig gedachten Schachzug handelt, der langfristig nicht aufgehen wird.
Der Sportartikelmarkt ist wahrlich kein Ort für sentimentale Abschiede. Veränderungen sind an der Tagesordnung, und der Druck, sich ständig weiterzuentwickeln, ist nahezu unerträglich. Die Vorurteile, die über Marken und ihre Führungspersönlichkeiten bestehen, sind oft nicht das Ergebnis von Fakten, sondern von persönlichem Empfinden. Dies lässt die Einschätzung von Guldens Bilanz noch komplizierter erscheinen.
Der scheidende Aufsichtsratschef hat in seiner Zeit bei Adidas einige Erfolge zu verzeichnen, aber die Herausforderungen, die vor ihm lagen, waren ebenso groß. Guldens Fähigkeit, mit diesen Herausforderungen zu jonglieren, wird bleiben, auch wenn er selbst nicht mehr Teil des Unternehmens ist. Ob er tatsächlich die beste Entscheidung getroffen hat, bleibt für die Ewigkeiten im Raum stehen, während Adidas weiter um die eigene Identität ringt – und vielleicht nicht einmal merkt, dass es eine solche hat.